Informationsmaterial zum Thema religiös begründeter Extremismus

Was versteht man unter "Islamismus"?

Wo hat es seinen Ursprung? Welche Ziele verfolgt diese Ideologie? Welche Gruppen und Strömungen gibt es ? 

Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist der Begriff "Islamismus" in der öffentlichen wie wissenschaftlichen Debatte kontinuierlich präsent. Häufig wird er mit Bezeichnungen wie "islamischer Fundamentalismus", "Jihadismus" oder "radikale Muslime" synonym verwendet. Doch was damit genau gemeint ist, bleibt häufig unklar. Meist sollen mit "Islamismus" solche fanatischen und gewalttätigen Gruppen mit terroristischer Ausrichtung begrifflich erfasst werden, die sich auf den Islam beziehen. Diese Auffassung ignoriert, dass es sehr wohl auch Islamisten gibt, die nicht in der Gewaltanwendung ihr vorrangiges politisches Instrument sehen. Mit der einseitigen Fixierung auf diesen Handlungsstil beraubt man sich einer wichtigen Erkenntnis: Islamistische Auffassungen sind aus demokratietheoretischer Sicht grundsätzlich problematisch – unabhängig von einer latent oder manifest vorhandenen Gewaltbereitschaft.

Wie ist das Verhältnis zwischen Islam und Islamismus?

Leider erfolgt in der öffentlichen Diskussion die Abgrenzung zwischen Islam und Islamismus nicht sehr sorgfältig. Um Pauschalisierungen und Generalverdacht zu vermeiden ist diese Abgrenzung aber von großer Bedeutung. 

Die Auffassung, dass kaum ein Unterschied zwischen Islam und Islamismus bestehe, da der Islam sich als Religion auch auf die Lebensweise und damit ebenso auf die Politik beziehe, erklärt letztendlich jeden Muslim zum Islamisten, was weder der Realität in den westlichen noch in mehrheitlich muslimischen Gesellschaften entspricht.

Auf der anderen Seite ist es nicht damit getan zu sagen, dass Islamisten den Islam lediglich im eigenen Interesse instrumentalisieren und daher kein Zusammenhang zwischen Islam und Islamismus bestehe. Diese Deutung unterschlägt den grundlegenden Stellenwert der Berufung auf den Islam und der Identitätsbildung über diese Religion im Islamismus. Demgegenüber soll hier für die Auffassung von der "Islamismuskompatibilität des Islam" (Armin Pfahl-Traughber) plädiert werden, wonach die Islamisten zwar nicht die einzige, aber eine mögliche Deutung des Islam vertreten. 

 

 

 

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Wie wird der Begriff "Islamismus" definiert ?

"Islamismus"ist eine Sammelbezeichnung für alle politischen Auffassungen und Handlungen, die im Namen des Islam die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben. Der ideologische Ursprung der gemeinten Bewegung liegt in inner-islamischen Reformbestrebungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die organisatorische Wurzel ist in der 1928 in Ägypten gegründeten "Muslimbruderschaft" zu sehen. Allen späteren Strömungen war und ist die Absicht eigen, den Islam nicht nur zur verbindlichen Leitlinie für das individuelle, sondern auch für das gesellschaftliche Leben zu machen. Dies bedeutet: Religion und Staat sollen nicht mehr getrennt und der Islam institutionell verankert sein. Damit einher geht die Ablehnung der Prinzipien von Individualität, Menschenrechten, Pluralismus, Säkularität und Volkssouveränität. 

Was bedeutet "Fundamentalismus" ?

Häufig findet bezogen auf den Islamismus auch die Formulierung "Fundamentalismus" Verwendung: Darunter versteht man in einem engeren Sinne religiöse Bewegungen, die sich auf eine wortwörtliche Auslegung ihrer "Heiligen Schriften" beziehen und eine Modernisierung des eigenen Glaubens rigoros ablehnen. In einem weiteren Sinne gilt der "Fundamentalismus" als eine Sammelbezeichnung für alle kulturellen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Auffassungen, welche sich nicht einer kritischen Prüfung ihrer Grundannahmen unterziehen wollen und argumentative Einwände mit Verweis auf die eigenen fundamentalen Werte negieren. Der Islamismus könnte sowohl im erst- wie im letztgenannten Sinne als eine Erscheinungsform des Fundamentalismus gelten. Umgekehrt sollte aber keine Gleichsetzung von "islamischem Fundamentalismus" und "Islamismus" erfolgen. Dem erstgenannten Bereich lassen sich auch orthodoxe Islamauffassungen ohne politische Aktivitäten zuordnen – womit ein konstitutives Merkmal von "Islamismus" fehlt. 



Wie erfolgt die Radikalisierung ?

Die Radikalisierung von (vor allem jungen) Menschen stellt unsere Gesellschaft vor eine Herausforderung. Immer mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen wenden sich den Fragen, wie und warum sich junge Menschen von der Mehrheitsgesellschaft isolieren und sich gewaltorientierten islamistischen Gruppierungen anschließen. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen sind sich zumindest in folgenden Punkten einig: Zum einen wird die Radikalisierung begünstigt durch mehrere zusammenwirkende Faktoren und zum anderen erfolgen die Prozesse sehr individuell und nicht geradlinig.  Auf der anderen Seite ist es nicht zwingend, dass eine Radikalisierung erfolgt, wenn viele begünstigende Faktoren vorliegen. 

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Der Videobeitrag stellt die Komplexität dieses Prozess deutlich dar und gibt einen Überblick zu den Fragen: Wer radikalisiert sich? Ist das vergleichbar mit anderen Extremismen?Welche Rolle spielt dabei der Islam? Wie vollzieht sich die Radikalisierung?



Wo kann Präventionsarbeit ansetzen, um Radikalisierung zu verhindern?

Prävention meint die Grundimmunisierung von Personen gegen extremistische Ideologien. Ziel ist es also, dass jemand gar nicht erst radikal wird. Prävention ist in aller Regel pädagogische Arbeit und setzt bei politischer Bildung, Persönlichkeitsentwicklung und der Förderung von Selbstwirksamkeitserfahrungen sowie Ambiguitätstoleranz an. Präventionsarbeit ist sehr vielschichtig. Ansätze der Prävention können u.a. Diskussions- und Dialogforen zu Themen, die Jugendlichen wichtig sind, religiöse Bildung, Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, Aufklärung über Extremismus und Terrorismus sowie partizipative Methoden der politischen Willensbildung und Entscheidungsfindung sein.

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung